Kammgarn versus Streichgarn — der Unterschied im Garn
Schurwolle wird auf zwei grundsätzliche Arten zu Anzugstoff verarbeitet: als Kammgarn oder als Streichgarn. Beim Kammgarn werden die Wollfasern nach dem Waschen gekämmt, kurze Fasern entfernt und die verbleibenden langen Fasern parallel ausgerichtet. Das Ergebnis ist ein glattes, gleichmäßiges Garn mit feinem Faden, das sich zu glatten, leicht glänzenden Stoffen verweben lässt — der klassische Business- und Anzugstoff. Streichgarn dagegen verspinnt Fasern unterschiedlicher Länge ungeordnet — das Ergebnis sind voluminöse, leicht raue Stoffe wie Flanell, Tweed oder Mantel-Tuch.
Für Anzüge ist Kammgarn der dominierende Stoff. Über 90 Prozent aller klassischen Business- und Festanzüge sind aus Kammgarn (englisch: Worsted Wool) gewoben. Die glatte Oberfläche reflektiert Licht gleichmäßig, was den charakteristischen, leicht edlen Schimmer ergibt — besonders bei dunklen Tönen wie Navy oder Anthrazit. Ein worsted wool suit fällt schwerer, knittert weniger und behält Form besser als ein Streichgarn-Anzug.
Qualitativ unterscheidet sich Kammgarn vor allem über zwei Parameter: Faserfeinheit (gemessen in Mikron, klassifiziert als Super-Zahl) und Webart (Twill, Plain Weave, Sharkskin, Pin-Stripe). Wer einen kammgarn anzug herren-tauglich für Business kauft, sollte mindestens Super 100s wählen — alles darunter wirkt im Vergleich grob und ist meist Polyester-gemischt. Echtes Premium beginnt bei Super 110s und reicht bei italienischen Webereien wie Loro Piana oder Cerruti bis Super 180s — letztere allerdings vor allem für Maßkonfektion.
Die Super-Zahl entschlüsselt — was Super 100s, 110s, 120s, 130s bedeuten
Die Super-Zahl beschreibt die Faserfeinheit der verwendeten Wolle in Mikron Faserdurchmesser. Je höher die Zahl, desto feiner die Faser, desto weicher und glatter der Stoff — und desto empfindlicher. Konkret: Super 100s entspricht 18,5 Mikron, Super 110s 18,0 Mikron, Super 120s 17,5 Mikron, Super 130s 17,0 Mikron, Super 150s 16,0 Mikron, Super 180s 15,0 Mikron. Zum Vergleich: Ein klassisches Schaf-Wollgarn liegt bei 22 bis 25 Mikron, Kaschmir bei rund 14 Mikron.
Für den Alltag sind Super 100s bis 120s der Sweet Spot. Sie sind fein genug, um edel zu wirken, aber robust genug, um häufig getragen zu werden. Ein Super-100-Anzug von DIGEL oder Roy Robson hält bei moderatem Gebrauch 8 bis 10 Jahre — ein Super-130s-Anzug bei gleicher Pflege oft nur 4 bis 5, weil die feinere Faser empfindlicher reagiert. Super 110er-Anzüge gelten bei Carl Gross und Strellson als Standard für die Premium-Linie.
Über Super 130 wird es Liebhaber-Terrain. Diese Stoffe sind weicher als Kaschmir-Mischungen, fallen seidig und reflektieren Licht in besonderer Tiefe — aber sie verlangen Pflege. Maximale Reinigung zweimal jährlich, immer auf breitem Holzbügel, niemals in feuchten Räumen lagern. Wer einen super 100 kammgarn als ersten echten Premium-Anzug kauft, macht alles richtig. Für tägliche Business-Routinen unter widrigen Bedingungen — Aktentasche, Auto, Klimaanlage — ist Super 130s übertrieben. Für Hochzeit, Beerdigung, formelle Anlässe ist er die richtige Wahl. Italienische Webereien wie Vitale Barberis Canonico, Reda und Marzotto liefern den überwiegenden Teil der Premium-Kammgarn-Stoffe an deutsche Marken wie Carl Gross, Strellson, Wilvorst und Roy Robson.
Webarten und Strukturen im Kammgarn-Anzug
Die gleiche Super-Zahl kann unterschiedlich aussehen — je nach Webart. Die drei häufigsten Webarten bei Kammgarn-Anzügen sind: Plain Weave (Leinwandbindung) ergibt eine matte, neutrale Oberfläche und ist klassisch für Sommer-Anzüge. Twill (Köperbindung) ist die häufigste Webart und produziert das typische diagonale Linienmuster — dezent erkennbar, aber bei aufmerksamem Blick sichtbar. Es wirkt etwas edler als Plain Weave und ist robuster.
Sharkskin ist ein doppelfarbiges Twill, bei dem zwei eng beieinanderliegende Farbtöne — etwa Anthrazit und Schwarz — abwechselnd verwoben werden. Aus der Distanz wirkt der Stoff einfarbig, aus der Nähe zeigt sich eine feine, marmorierte Tiefe. Ein klassischer Business-Anzug in Sharkskin-Webung gilt seit den 1960er Jahren als Stilklassiker.
Für Streifenmuster im Kammgarn-Anzug gilt: Pinstripe (sehr schmaler Streifen mit großem Abstand) ist konservativ und businessgeeignet, Chalk Stripe (kreidiger, breiterer Streifen) wirkt eleganter und etwas auffälliger. Beide sind als Super-110er-Webungen in Anthrazit oder Mittelblau bei BRAUN-Hamburg und Breuninger gut sortiert. Wer einen super 110 anzug als ersten festlichen Streifenanzug sucht, findet bei Wilvorst und Carl Gross typische Optionen ab 450 Euro. Stoffgewicht: 240 bis 260 g/m² für Sommer-Kammgarn, 280 bis 320 g/m² als Ganzjahres-Klassiker, ab 340 g/m² als Winter-Webung. Italienische Mühlen vermerken das auf der Innenetikette — ein Detail, das Premium-Käufer schätzen.
Worauf Du beim Kauf achten solltest
- Super-Zahl klar deklariert — fehlt sie, ist es vermutlich kein echtes Kammgarn
- Innenetikett auf italienische Weberei-Herkunft prüfen
- Faserzusammensetzung 100 Prozent Schurwolle, kein Polyester
- Stoffgewicht je Saison wählen — leichtere Webungen für Sommer
- Webart passend zum Anlass: Twill für Business, Sharkskin für formelle Termine
- Pick-Stitch am Revers als Verarbeitungs-Indikator
- Bewährte Marken: Carl Gross, Strellson, Wilvorst, Roy Robson
- Tragehäufigkeit einplanen: Super 100-120 für Daily, Super 130+ für formell



































